Stammtisch „Polytreff“ im Februar 2015

Wie es beim Polytreff-Stammtisch war? Toll!

Zuerst haben wir mal lecker gegessen in der Parkschenke, dann kam eine ausführliche Vorstellungsrunde – wir waren zu zehnt -, und dabei kristallisierten sich folgende Themen heraus:

Ist absolute Ehrlichkeit immer angebracht? Zeit geben? No.1/No.2 Rangordnungen bei den Wings vergeben?

Es waren sehr intensive, hochkarätige und verschiedenartige Beiträge zum jeweiligen Thema aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, geradezu ein Feuerwerk von Ideen, sehr kreativ und inspirierend, wärmend, verbindend und bereichernd.

Zum Thema Erstpartner_in und Zweitpartner_in stellten wir fest, dass uns Begriffe fehlen, die man noch erfinden müsste. Primary/secondary war uns zu wertend, zu hierarchisch. Das sind Krücken, Einstiegshilfen, und dann muss jede Beziehung mit vielen Worten einzeln beschrieben werden, um ihr gerecht zu werden. „Das Sein und das Erleben sind wichtiger, als Worte dafür zu haben.“

Die Eskimos haben 100 Wörter für Schnee, für Polyamory gibt es nur ein Wort. Für Liebe oder ähnliche Begriffe gibt es nur wenige treffende Definitionen. Wie wäre es mit „Grundbeziehung“ oder „80 km jeden Tag“-Beziehung?

Einer der Anwesenden (ich möchte keine Namen nennen) fragte: „Wie zeitnah und in welchen Portionen vermittle ich meiner amtierenden Hauptfrau, dass es da noch eine Nr. 2 gibt? Überfordere ich sie damit nicht? Ist es nicht taktlos, absolut ehrlich zu sein?“ Man möchte ja durch die Ehrlichkeit keine bestehende Beziehung zerstören, sondern eine weitere hinzufügen, ohne dass jemand einen Schaden nimmt. Mitfreude ist aber nicht so leicht zu erlernen, wenn man sie nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat!

Ein weiteres Thema war: In einer Triade ist die Frau verliebt in einen Mann, aber dieser liebt die Frau nicht im selben Maß zurück. Wie soll man mit diesem Ungleichgewicht umgehen? Der Schmerz der Eifersucht kann zu nagen anfangen. Fühlt sich jemand abgeschoben? Und wie ist das eigentlich – hat nicht jeder die heimliche Erwartung, zurückgeliebt zu werden, wenn er liebt? Eine Anwesende meinte: nein. Und erzählte aus ihrem Leben. Sie liebt, wenn sie liebt, weil sie liebt.

Einer gar erklärte, es sei eigentlich eine Frechheit, sich in jemanden zu verlieben, eine Zumutung geradezu, und es sei ein Fehler, alles mögliche in die Geliebte hineinzuinterpretieren. Man habe so diffuse Lebenswünsche, die vom Gegenüber erfüllt werden sollen. Nein, Liebe müsse etwas Wechselseitiges sein, und Liebe bedürfe der guten Kommunikation. Es sei eine erstrebenswerte Kunst, dem anderen erwartungsfrei mitzuteilen, was Du empfindest. Und nicht es sich zurechtzubiegen, dass der andere wohl auch in mich verliebt ist (wenn er es nicht ist – nur ich in ihn).

Einer führte „menschenrechtliche Gründe“ an, d.h. er möchte die Möglichkeit, polyamor zu leben, als Menschenrecht verbürgt sehen. Er fand das PAN-Treffen in Frohberg so schön, „weil da eine Wellenlänge nicht vorgeschrieben war“; jeder durfte so sein, wie er wollte. Es ist klar, dass es ihn von seinen eigenen Energien abschneiden würde, wenn er lügen müsste, um z.B. heimlich fremd zu gehen. Wer möchte sich schon gern verbiegen? Das verschlingt unnötig Kraft. Er wünschte sich an diesem Abend herzliche, inspirierende Begegnungen. Und ich vermute, er hat sie bekommen…

Seine Partnerin berichtete über das, was ihrer Liebe hinzugefügt und nicht weggenommen wurde, seit sie den Weg zusammen gehen.

Ein anderer erwähnte, dass es für Kinder völlig unkompliziert sei, mal bei Nachbarskindern zu übernachten, dass es aber zunehmend komplizierter wird, sobald das Kind in die Pubertät kommt und erwachsen wird. Plötzlich darf man nicht mal flirten, alles wird eng und monogam. „Wir sind so schlau, machen Abitur – und immer wieder die gleichen Fehler; heiraten, sich scheiden lassen…“

Polybi/ich betonte die Wichtigkeit von Pausen und von Zeit. Eine Liebe brauche Zeit zum Wachsen, und auch der Eintritt einer weiteren geliebten Person brauche Zeit – und viel Fingerspitzengefühl des in der Mitte stehenden Menschen (des Centers, der gut für seine Wings sorgt). Wenn es den Wings gut geht, geht es der Triade gut, zumal wenn es noch weitere Personen im Netzwerk gibt. Jeder kann zum Center werden, wird dann also Umsicht walten lassen. Und Vorsicht und Nachsicht, und Übersicht behalten zum Wohle des Ganzen.

Kummer komme auch dann auf, wenn sich innerhalb einer langjährigen Ehe einer „entliebt“ oder einer abblockt. Wenn nichts zurückkommt, hat es keinen Sinn, sich lebenslang für neue Beziehungen zu blockieren. Liebe braucht Antwort.

Man muss unterscheiden zwischen romantischer Liebe (was das heutige Eheideal ist) und der partnerschaftlichen Liebe, die es noch zu Goethes Zeiten gab und die heute eher mit „Freundschaft plus“ umrissen wird, die auch rein wirtschaftlich begründet sein kann.

Jedenfalls kann auf beiden Seiten ein Mehr-Wert entstehen, wenn man z.B. eine Triade lebt. Ausgeglichen und gut gelaunt kommt man von dem Besuch bei dem anderen Partner zurück. Nichts ist minderwertig oder höher wertig. Es kommt auf die Blickrichtung an. Und auf die Wertschätzung. Wie leicht kann man da etwas missverstehen! Mit einem Monokopf kann man eben nicht poly denken.

Unsere/Eure Beiträge waren wohlüberlegt und Funken sprühend. Man merkte, dass die Sprecher sich schon über diese Themen Gedanken gemacht haben. Weil ich nichts allzu Persönliches aufschreiben wollte, habe ich in diesem Text absichtlich oft das Wort „man“ benutzt, was sonst nicht so meine Art ist. Wir haben in weiten Teilen des Abends sehr persönliche Dinge geteilt. Das verbindet uns, das baut Brücken und wärmt. Unser Netz entsteht und trägt. Yeeeeh!!!

die Polybi

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Ein Gedanke zu „Stammtisch „Polytreff“ im Februar 2015

  1. Rainer S.

    Rainer S. schreibt am 4. März 2015 um 16:52

    Wunderbar, was Du, Polybi, von diesem 10-er Treffen des Polytreffs schreibst, Ja – die Begriffe Primary, Secondary… helfen wirklich nicht. Sie passen einfach nicht. Jede Liebe, die ich zu einem Menschen empfinde, ist anders. Jede Liebesbeziehung ist doch auch anders. Hierarchien gibt es hier doch nicht!

    Antwort

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